Sonntag, März 28, 2010

Gestadtratet

Vegi-Tag contra Schnitzi-Tag (wo ist eigentlich die Gesellschaft für Deutsche Sprache, wenn man sie mal braucht). Im Verhältnis zu diesem Kampfgeschehen verliert der Nahostkonflikt doch erheblich an Brisanz. Wer sich angesichts der Konstellation Getreidebratling gegen Rinderhack einen ganz großen Stadtratstag erhoffte wurde nicht enttäuscht.

Ausgangspunkt war ein Antrag von Grünen und SPD/future/Tierschutz dazu aufzurufen, Donnerstags auf Fleisch zu verzichten und vegetarische Angebote zu schaffen.

Vor dem Hintergrund unseres vermehrt fettleibigen Nachwuchses, scheint die Idee, die ein oder andere Kuh weniger zu verdrücken, auch nicht völlig abwegig. Auch im Stadtrat sind Teile der Bestuhlung doch bis an die Grenze des technischen Versagens ausgelastet. (Wobei die Tierschutzfront mehr darauf abstellt, dass unsere putzigen Mitgeschöpfe in Fritteusen nicht artgerecht gehalten würden.)

Lothar Tietge (Tierschutzpartei) betonte die Bedeutung der Angelegenheit in völlig angemessener Form. Der 25. März 2010, 19.30 Uhr ginge als epochemachende Verabschiedung eines phänomenalen Aufrufs neben Kaiser Otto dem Großen und Otto von Guericke in die Geschichtsbücher ein. Sagt er. Wer würde noch über die Mondlandung reden? Das Aussterben der Dinosaurier, das Tunguska-Ereignis? Dr. Guido Westerwelles Freundeskreis? Was ist all das neben einem absolut entschiedenen Aufruf des Stadtrats?

Wer hätte aber je gedacht, dass die Ernährungsgewohnheiten von Kühen einmal den Magdeburger Stadtrat beschäftigen würden? Vor dem Satz: "Kühe müssen besser ernährt werden, dann produzieren sie auch weniger Methangas." mit dem Stadträtin Carola Schumann (FDP) die ernährungspolitische Richtung der FDP dartat (Contra Vegi/Pro Schnitzi) kann man nur in Ehrfurcht das Haupt neigen. Der steht wie gemeißelt und wird uns alle überdauern. Da der entsprechende Gasausstoß durch unsere rindslederbezogen vierbeinigen Freunde tatsächlich ein Umweltproblem zu sein scheint, darf man sich demnächst sicherlich auch über einen liberalen Antrag bezüglich der bläharmen Futtermittelzusammensetzung freuen.

Um einen im Aufruf scheinbar tückisch verborgenen "Zwangs-Vegi" zu vermeiden, forderte die FDP den "Tag der bewussten Ernährung" - was die Tierschutzfront nur wenig aufmunterte, schließlich könnte man sich selbst Flipper und Lessi sehr bewusst auf der Zunge zergehen lassen.

Die CDU nahm es mit Humor und thematisierte einen "sexfreien Tag". Ja. Essen ist der Sex des Alters. Wenn unsere Ratssenioren da nicht zufällig gerade gemüsophil veranlagt sind, würde Donnerstags ein recht trüber und freudloser Tag.

Am Ende kam was kommen musste. CDU, Linke und FDP lehnten ab. Die Einbringer schäumten. Sören Herbst (Grüne) gab via Twitter den Wellemeyer und sah "kleingeistige Provinzstadträte" am Werk. Herbst und Stadtrat Andreas Budde (SPD) konnten sich online kurzfristig auf eine verhältnismäßig negative Einschätzung des Redebeitrags von Carola Schumann verständigen. Diese Twittermeldungen wurde von Hans-Jörg Schuster (FDP) umgehend sozusagen gestadtratet, so dass bei Twitter dann zu lesen war, was der Stadtrat so über Twitter diskutiert.

Tja. Magdeburg zwar nicht als Stadt des neuen Essens - aber immerhin wird mal über neue Medien debattiert.

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Donnerstag, Dezember 10, 2009

Zeitlupe

Wiedereinmal tritt der Stadtrat zusammen, um über den Tunnel zu entscheiden. (Wenn das Thema so in 30, 40 Jahren mal abgeschlossen ist - wird es einem bestimmt fehlen.) Erhebliche Teile der Leserbriefschreiber schäumen vor Wut. Ziel des Zorns sind die Grünen, die durch hinterhältiges Anrufen des örtlichen Gerichts den bereits sicher geglaubten Tunnel des Grauens nun doch noch mal in Frage gestellt hatten. Da auch diverse Stadträte ähnlich denken, wird der Betonsarkophag allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der Zeitlupenwiederholung erneut zu Grundwasser gelassen.

Besonders kurios: Hans-Jörg Schuster (FDP), der für den Fall, dass es für den Tunnel nicht reichen sollte, statt mit Nein mit Ja stimmen will. Das setzt allerdings seherische Kräfte voraus, da man ja erst am Ende der Abstimmung weiss, ob es reicht oder nicht. Lustig auch, dass für seine Abstimmung nicht etwa die inhaltliche Frage (Tunnel Ja oder Nein) oder das auch schon wieder Wochen alte Wahlprogramm seiner Partei (FDP: Tunnel: Nein) relevant ist, sondern wie die anderen so stimmen.

Das leserbriefschreibliche Hau-den-Lukas hat durchaus einen beachtlichen Unterhaltungswert. Mahnend möchte man jedoch den Finger heben. Die Erhebung einer Klage ist die eine Sache, sie zu gewinnen schon noch eine andere. Da muss ein beachtlich dicker Hund begraben sein, wenn die Judikative sich berufen fühlt, der Legislative nochmal die Regeln zu erklären. Der wohlfeile Ruf "Aber die Mehrheit hatte entschieden!" ist nur bedingt hilfreich. Da gab es in der deutschen Geschichte schon weit spektakulärere Mehrheitsentscheidungen, die im Nachhinein nur noch von den Kühnsten als Höhepunkte der Demokratie gefeiert wurden. Auch für Mehrheiten gelten Regeln, deren Nichteinhaltung erstaunlichste Effekte hervorzaubert.

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Donnerstag, April 02, 2009

Hunger als städteplanerisches Problem

Der 1. April ist gerade verronnen. Die Lokalausgabe der Magdeburger Volksstimme hat mit der Entdeckung der händelschen Ode an Magdeburg einen recht gelungenen Aprilscherz gelandet. Wer die Hoffnung hegt, dass auch die Meldung über den Gottesdienst für Tiere solcher Art aufgelöst wird, muss leider enttäuscht werden.

Auch nur mit einer ordentlichen Portion gesundem Humor lässt sich die unendliche Diskussion um die Verkehrsprobleme der Straße Am Hopfengarten ertragen. Die nur mäßig mit Verkehr belastete und mit verhältnismäßig wenig Anwohnern versehene Straße hält die Welt in Atem. Da bekanntlich Kommunalwahlkampf ist, sah sich der örtliche Stadtrat der CDU, Frank Schuster, veranlasst, eine eigene Verkehrsplanung vorzulegen. Dieses Werk sieht den Bau mehrerer neuer Straßen vor, ohne dass man nur annähernd einen Sinn erkennen könnte (wenn man von der generellen Ankurbelung der Konjunktur mal absieht - dafür könnte man aber auch kostengünstiger große Löcher schaufeln und diese beliebig oft wieder zuschütten). Volksstimme-Leser Henning Plate lehnt sich mit einem beherzten "Hallo, wer zuhause?" gegen seine die Verkehrsplanung als Hobby betreibenden Nachbarn auf. Der grenzgeniale schustersche Plan sieht nämlich die Errichtung einer neuen Straße westlich der so genannten Spassvogelsiedlung vor. Dann hat die auf jeder Seite eine große Straße - das hilft sicherlich irgendwie weiter. Durch den geschickten Bau einer weiteren Straße soll dann die Zufahrt zur Magistrale "Am Hopfengarten" (Zufahrtsbreite derzeit geschätzte 2,20 m) um 200 Meter verlegt werden. Was das wogegen helfen soll - man weiß es nicht. Wie dramatisch die Probleme sind lässt sich gut an anderen diskutierten Aspekten ablesen. Die Versorgung des Gebiets mit Lebensmitteln (!) stellt sich als problematisch dar! Bevor jetzt Care-Pakete geschnürt, Rosinenbomber gestartet und Reissäcke angelandet werden - konkret geht es um die Versorgung der Gustav-Ricker-Straße mit ... Sonntagsbrötchen.

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Donnerstag, Februar 19, 2009

Gepresst

Dass die Kommunalwahl näher rückt, kann man an ausgesprochen niedlichen Details erkennen. Es vergeht kein Tag an dem nicht der ein oder andere Kandidat sich erläuternd zu irgend einem Phänomen ergeht. Neulich überraschte Stadtratsmitglied Frank Schuster (CDU) (mal ehrlich - hatten Sie je von ihm gehört?) die Öffentlichkeit mit einem zustimmenden Satz zu einer Äußerung eines GWA-Sprechers.

Während die einen nach etwas Popularität lechzen, ist es anderen doch eher schon zu viel. Die Biederitzer Bürgermeister (am "Ober" arbeitet man noch) Siegfried Janke (parteilos) bekommt derzeit kaum noch einen Parkplatz vor seinem Büro, da die Fahrzeuge von Staatsanwaltschaft und Presse alles zu parken.

Auch Jens Bullerjahn (SPD, Finanzminister Sachsen-Anhalts) hatte schon schönere Presse. Heute war vom "cholerischen Jens" zu lesen, von dem gesagt werde: "Kritik kann er nicht vertragen." Interessante Adjektive hageln knüppeldick: "hektisch", "chaotisch, "nervenaufreibend", "rücksichtslos". Sein Stil sei "so bekannt wie berüchtigt." Wie man sich einen zukünftigen Ministerpräsidenten(kandidaten) eben so wünscht. Der bisherige Finanzstaatssekretär Christian Sundermann (SPD) war nicht ausreichend terrorresistent und gab auf. Er weiß noch nicht was er zukünftig so macht, er weiß aber, was er zukünftig unter keinen Umständen mehr machen will.

Diese Persönlichkeitsstudie erläutert auch recht anschaulich, wieso die SPD nicht in der Lage ist, zumindest nach außen hin eine irgendwie geschlossene Formation vorzugauckeln. Mangelnde Wahrnehmung durch die Presse wird für die SPD in Sachsen-Anhalt mittelfristig kein Problem sein.

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